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»Widerstand zwecklos – lassen Sie die Waffeln fallen«

In diesem Fachbeitrag wird »Widerstand« als ein konstruierter Zustand dargestellt. Mit schlüssigen Argumenten wird beschrieben, wie erlebter Widerstand in der Kommunikation sinnvoll genutzt werden kann.

Wahrgenommener Widerstand kann auch eine persönliche Interpretation sein.

Wahrgenommener Widerstand als persönliche Interpretation

Was tun, wenn Eltern Widerstand zeigen?

In der Zusammenarbeit mit Eltern erleben Kita-Fachkräfte immer wieder Situationen, in denen sie aus ihrer Sicht ganz klar die besseren Argumente haben, aber von Eltern keine Zustimmung erhalten. Ohnmacht entsteht, zumal weil die objektiv richtige Sichtweise der Fachkraft auf ihrer pädagogischen Professionalität beruht. In solchen Situationen können sich Fachkräfte und Eltern wie im Streit fühlen. Jede Partei erhebt Anspruch auf die »objektiv« richtige Sichtweise und erntet Widerstand vom Gegenüber. Ärger und Unverständnis sind die Folge. Im Austausch unter Fachkräften fällt auch schon mal der Satz: »Die Arbeit mit den Kindern macht so viel Freude – wenn nur die Eltern nicht wären«.

Wir sind der Meinung, es lohnt sich, sich mit dem Phänomen des Widerstandes auseinanderzusetzen. Es geht darum einen Weg zu finden, wie Widerstand gar nicht erst entstehen muss oder aufgelöst werden kann. Gegeneinander anzukämpfen macht in der Regel wenig Sinn, verhärtet umso mehr die Fronten und schwächt mindestens die beteiligten Personen. Unsere erste Frage lautet daher: Wozu nutzt Widerstand?

Analogie aus dem Spiel

Letzte Woche in einem Kindergarten konnte ich (Katrin Trappe) folgenden Dialog im Rollenspiel verfolgen: »Hände hoch – lassen sie die Waffeln fallen. Widerstand ist zwecklos« – so der Polizist zu einem Bankräuber. Natürlich wurden die Worte des Polizisten nicht erhört, der Bankräuber widersetzte sich, indem er sich schleunigst aufmachte und die Flucht ergriff. Den beiden Kontrahenten machte diese Verfolgungsjagd richtig Spaß. Es ist Teil des Sinns dieses Spiels, jemanden, der sich widersetzt, zu übermannen. Er wird dann für seine Straftat und die Tatsache, dass er sich der Staatsgewalt widersetzt hat, doppelt verurteilt; was zu doppelter Freude führt.

Was haben diese beiden Kinder da gespielt?

Es gibt Regeln, es gibt Regelhüter und es gibt welche, die sich den Regeln widersetzen. Nun liegt es im Spiel »Räuber und Gendarm« nahe, dass beide Beteiligten wissen, was regelhafte Gesetze sind und was man tun muss, um diese zu überschreiten bzw. was getan werden muss, wenn das Gold aus der Schatzkiste entwendet wurde. Mehr noch: Die Spielpartner sind sich der Sinnhaftigkeit ihrer Rollen bewusst. Sie sind sich einig. Einer vertritt die eine Seite und bewahrt Recht und Ordnung, der Andere spielt den Kontrahenten und soll in dieser Rolle den Regeln entgegentreten. Die daraus resultierenden Folgen nehmen ihren Lauf und enden erfolgreich, wenn das Gute über die Bösewichte siegt.

Die Faszination dieses Spiels ist es aber auch, etwas Alltägliches in den Fokus zu rücken: Es gibt allgemeingültige Regeln und Grenzen im Alltag. Man könnte auch sagen, dass es sich um einen kollektiven Sinn handelt, aus dem heraus diese Ordnungen formuliert werden. Neben diesem kollektiven Sinn gibt es immer auch einen »Eigensinn«, der sich aus der persönlichen Haltung eines Individuums zu einer Sache/Sachlage ergibt. Günstig ist es, wenn der eigene und der kollektive Sinn übereinstimmen.

Wenn sich einem Individuum der fremde Sinn, das was die Gemeinschaft für sinnvoll hält oder was dem Eigensinn eines Anderen entspricht – aus was für Gründen auch immer – nicht erschließt, hält er oder sie an seiner/ihrer eigenen Sinnhaftigkeit fest.

Im Spiel »Räuber und Gendarm« finden und stiften die Kinder sinnvolles Handeln in Beziehung zu Anderen. Erleben Kinder wie Erwachsene den Verlust des Sinns von Beziehung zu anderen Menschen dadurch, dass ihr Eigensinn nicht geschützt wird, ihre eigenen Grenzen nicht gewahrt werden, so erleben Sie die Sinnlosigkeit der Kontaktaufnahme zu Anderen. Vertrauen zu anderen Menschen ist grundsätzlich oder in bestimmten Kontexten in Frage gestellt oder schlimmstenfalls nicht mehr vorhanden. Dabei ist Eigensinn (vgl. Kutscher 2016) nicht zu verwechseln mit Sturheit oder Bockigkeit. Im Gegenteil: Eigensinn ist das Ergebnis individueller Erfahrungen und Erlebnisse. Eigensinn kann in Einklang oder im Widerspruch zu Forderungen, Anpassungszwängen, Anforderungen, Erwartungen von Anderen stehen. Immer ist Eigensinn individuell sinnvoll, weil er das Ergebnis einer individuellen und emotional bewerteten Lebensgeschichte ist. Positive Gefühle durch positive Erlebnisse aktivieren uns, während negative uns dazu veranlassen, uns zurückzuziehen oder zu verteidigen. Eigener Sinn, im wahrsten Sinne des Wortes, ist das Ergebnis dieser biografischen Erfahrung und gleichzeitig stets zutiefst sinnvoll.

Was bedeutet das für die Zusammenarbeit mit Eltern?

In der Zusammenarbeit mit Eltern ist es daher anzuraten innezuhalten, wenn wir Widerstand spüren. Woran ist das feststellbar? Widerstand ist ja keine eindeutig fest umrissene Erscheinung, kein Gespenst im weißen Umhang, sondern eine gefühlsmäßige Wahrnehmung.

Nicht das Ausbleiben eines Informationsaustauschs oder verabredeter Handlungen sind die ersten Anzeichen eines Widerstands, auch wenn wir es oft daran festmachen. Meist lässt sich Widerstand vorher bereits körperlich spüren. »Somatische Marker« werden diese Phänomene neuerdings genannt: der Herzschlag beschleunigt sich, der Magen verkrampft sich usw. – die Auswirkungen sind individuell höchst unterschiedlich, ebenso wie die Bewertung, ab wann jemand die Reaktion eines Gegenübers als Widerstand bewertet.

Wir können auch sagen, Widerstand tritt nicht wirklich auf, sondern ist eine Konstruktion. Ich spüre etwas, habe im Kontakt mit einer Person oder Sache ein beklommenes Gefühl. Eine wahrgenommene Spannung kann somit Marker eines eigenen inneren Widerstands sein bzw. sich als Resonanz aus dem ergeben, was ich im Kontakt mit meinem Gegenüber erspüre. Angenommen ich ziehe den Schluss, das muss jetzt Widerstand beim Anderen sein, denn hier wird eine Kooperation verweigert, dann lege ich den Schwarzen Peter bei meinem Gegenüber ab. Praktisch! Ich bin fein raus – ich habe meinem Gegenüber den Widerstand unterstellt. Es obliegt doch wie immer mir und meiner Konstruktion, wie ich das Wahrgenommene bewerte. Ich treffe eine Bedeutungswahl bezogen auf Äußerungen und Handlungen (vgl. Förster/Trappe 2016). Fest steht: So werden wir nicht zur Kooperation finden.

Meine Unterstellung, diese Person will nicht mit mir kooperieren, bildet sich auf der Grundlage meiner bisherigen individuellen Lebenserfahrungen. Sie sind der Referenzrahmen für meine subjektive Schlussfolgerung. Mein Gegenüber hat natürlich seinen eigenen individuellen Referenzrahmen, der ihm/ihr sagt: Hier musst du eine Grenze ziehen. Hier geht es also um den Schutz dessen, was aus meiner Sicht Sinn macht, um den Schutz des Selbst.

Was sagt mir mein Gefühl?

Ich habe neben dem oben beschriebenen auch mindestens noch eine weitere Bedeutungswahl: Ich kann die in mir entstandenen Gefühle als Stoppschild wertschätzen, um innezuhalten und als Richtungsweiser, um mich zu fragen: Wofür sind diese Gefühle da? Was gilt es bei mir selbst zu beachten und zu schützen und was könnten beachtenswerte und schützenswerte Aspekte bei meinem Gegenüber sein? Dann ist Widerstand zu etwas gut. Je genauer ich weiß, wie es sich anfühlt, innerlich eine Bremse zu ziehen, umso genauer kann ich diese wertvollen Stoppzeichen erkennen und zu Wendepunkten werden lassen, aus denen heraus etwas entstehen kann. Je genauer ich meine eigenen Punkte kenne, die zu einem blümeranten Gefühl, einem diffusen Unwohlsein, Zweifel, körperlicher Verspannung oder was auch immer führen, umso eher kann ich in den Prozess einsteigen. Was macht das Gefühl bei mir aus?

Was hat es mit mir zu tun? Was könnte ich an Schwingungen vom Gegenüber aufgenommen haben? Dann ist Widerstand sinnvoll, weil er zum Wegweiser wird und alle Beteiligten mit ihrem »So-Sein« die Chance auf Beachtung haben.

Entwicklung zur Erhaltung des ICH und zur Wahrung der eigenen Grenzen ist lebenserhaltend notwendig, weil es uns darüber orientiert, ob Aktivitäten gut sind, aufgenommen oder weiterverfolgt werden sollten oder ob sie abgelehnt und Schutzmaßnahmen ergriffen werden sollten. »Der Sinn ist also entscheidend für die Stabilisierung und Entwicklung der Persönlichkeit« (Kutscher 2016, S. 12).

Bei Kutscher heißt es weiter: »Wichtig für die Entwicklung der Persönlichkeit ist nun die Möglichkeit, mit dem erlebten Sinn in soziale Beziehung eintreten zu können, also Gefühle mitteilen zu dürfen, seien es positive oder negative« (Kutscher 2016, S. 12). Jeder Mensch ist demnach darauf angewiesen, in seiner Emotionalität wahrgenommen zu werden, geachtet zu werden und damit in Beziehung treten zu dürfen.

Wenn wir also Widerstand als ablehnendes Erleben oder Verhalten eines Menschen gegenüber einem Aspekt oder einer Person begreifen, so liegt eine negative Bewertung vor. Es entsteht das Gefühl, sich in seinem »So-sein« nicht zeigen zu können oder zu dürfen. Konstruktiver und sachlogischer wäre es, Widerstand als wichtige Information zu betrachten. »Bis hierher und nicht weiter«, das könnte ein wichtiger Hinweis und eine Kooperationsbotschaft sein, statt einer Ablehnung/Abwertung. Wenn wir verstehen, dass Menschen aus ihrer eigenen Sinnhaftigkeit heraus Dingen zustimmen, etwas tun oder etwas ablehnen, dann können wir uns stets die Frage stellen: Wofür ist dieses Verhalten gut?

Auch wenn wir eine andere Sinnhaftigkeit konstruiert haben, sehen wir grundsätzlich den Nutzen, den etwas für das Gegenüber hat. Wir laden den »Widerstand« dann quasi als Kooperationspartner in Interaktionen, Dialoge, Kooperationen ein, weil wir ihn als Kompliment betrachten. Die Beziehung zwischen den beteiligten Personen ermöglicht es, sich nicht nur zuzustimmen sondern sich auch mit den eigenen Grenzen und dem momentan Unüberwindbaren zu zeigen.

Wir haben die Wahl!

Sich zu widersetzen oder sich etwas oder jemandem entgegenzustellen heißt Grenzen aufzuzeigen. Für die Erhaltung des ICH ist das von enormer Wichtigkeit. Wenn wir das Verhalten eines Gegenübers als sinnhaft bewerten und daraus Fragen entstehen, die die Sinnhaftigkeit nachzuvollziehen versuchen oder Alternativen im geforderten Rahmen anbieten, kann ein kooperativer Prozess entstehen. Die Grenzen aller Beteiligten werden angemessen gewahrt.

Das Wort »Nein« und auch ein »Nein-Verhalten« sind in der Entwicklung – das erfahren wir in der täglichen Arbeit mit Kindern – zwar anstrengend, aber von größter Bedeutung. Einerseits macht ein »Nein« deutlich, welche Bereiche des Denkens und Fühlens entsprechend anderer Menschen sind, andererseits verdeutlicht es das Eigene und Individuelle, die Unterschiede. Diese Sichtweisen oder Bedürfnisse können andere nicht automatisch erkennen; somit ist es von größter Wichtigkeit sie zum Ausdruck zu bringen (vgl. Zollinger). Nein sagen, sich widersetzen, sich entgegenstellen bedeutet Identitätsstiftung. Im Wertschätzen des kooperativen Prozesses geht es dann um Aushandlungsprozesse, die »Ja-Informationen« (Zustimmungen) genauso achten und konstruktiv einbeziehen, wie die »Nein-Informationen« (Grenzen).

Gut so! Denn nur so kann auf beiden Seiten und miteinander Entwicklung stattfinden. Würde die ganze Welt dem »Eigen-Sinn« entsprechen, müssten bzw. könnten keine neuen Ideen entwickelt und ausprobiert werden.

Analogie aus der Physik

Aus physikalischer Sicht bezeichnet »elektrischer Widerstand« eine »physikalische Eigenschaft und ein elektrisches Bauelement« (Wikipedia). Als physikalische Eigenschaft beschreibt er ein Maß dafür, welche elektrische Spannung erforderlich ist um eine bestimmte elektrische Stromstärke durch einen elektrischen Leiter fließen zu lassen. Als Bauelement ist ein Widerstand ein Bauteil, um den elektrischen Strom zu begrenzen.

Übertragen wir diese Gedanken auf Menschen und den Umgang mit ihren Grenzen, so könnten wir Widerstand als Kooperationsangebot definieren. In dieser Eigenschaft beschreibt er ein Maß, das alle Übereinstimmungen, Spannungen und Unterschiede einbezieht, um etwas in einem kooperativen und dialogischen Prozess in Bewegung, ins Fließen zu bringen. Als solches Element ist »Widerstand« ein Teilaspekt menschlichen Miteinanders, der mittels Wertschätzung und Respekt begrenzt und ermöglicht.

Widerstand – zweckhaft!

Wie auch im Kontext mit der Entwicklung des »Nein« bei Kindern, heißt »sinnvoll und zweckhaft« nicht zwangsläufig »einfach«. Sich mit den eigenen Grenzen oder auch den Grenzen anderer auseinanderzusetzen, kann ein mühsames Unterfangen sein. Mühsam und zugleich ergebnislos ist es, Widerstand als unüberwindbare Hürde zu definieren. Noch mühsamer, ergebnisloser und zugleich separierend ist es, den Widerstand als Unwillen des Gegenübers zu verstehen. Eine Steigerung ergibt sich noch, wenn Unterschiede und Grenzen als bewusste Verweigerung und als gegen jemanden gerichtet verstanden werden.

Natürlich gibt es all diese Motivationen, aus denen heraus Menschen Dinge nicht tun. Natürlich ist es manchmal auch wichtig, gesetzten Grenzen mit Grenzen zu begegnen. Nur, wir müssen nicht, wenn wir auf Unterschiede oder Hürden stoßen, derartige Hintergründe als erste Erklärungen annehmen. Damit bringen wir uns unter Umständen sofort in eine Pattsituation.

Wir können Widerstand als bewusst eingesetztes Kontra annehmen, sind aber nicht dazu verpflichtet.

Fazit

Wenn wir die oben hergeleitete Definition von Widerstand zugrunde legen, entstehen weitaus mehr Kooperationsmöglichkeiten. Diese erkennen alle beteiligten Menschen in ihrem Sein an, wertschätzen die Individualität und bemühen sich um gemeinsame Wege. Ein gemeinsamer Sinn entsteht freudvoll und erweckt die Lust auf mehr. Positive zwischenmenschliche Erfahrungen bilden dann die Grundlage für weitere Erfahrungen im Kontakt mit anderen Menschen.

Literatur

Förster, H./Trappe, K. (2016): Wertschätzende Kommunikation im Kita-Alltag. In: KiTa aktuell ND 12/2016.

Kutscher, J. (2016): Eigensinnige Kinder. In: KiTa aktuell ND 12/2016.

Zollinger, B. (2010): Die Entdeckung der Sprache. Bern.

Wikipedia: »elektrischer Widerstand«.