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Zeit erfahrbar machen - Überlegungen zum Denken und Erkennen von Kindern

Erkenntnisprozesse von Kindern zum Thema Zeit anregen - Wie lernen Kinder und auf welchen Wegen gelangen sie zu Erkenntnisprozessen? Dabei interessiert vor allem, wie sich Prozesse des Lernens und Erkennens in Kindertagesstätten anregen und pädagogisch gestalten lassen. Anhand von drei Beispielen zum Thema Zeit wird dies hier dargestellt.

 

Das Thema "Zeit" in der Kita

© Silkstock

Die Beschreibung des Lernbegriffs gestaltet sich in der Literatur äußerst differenziert. Es ergibt sich ein mannigfaltiges und widerspruchsvolles Bild, das sich in die einzelnen Wissenschaftsgebiete aufgliedert. In der Erziehungswissenschaft, Soziologie und Philosophie, aber auch in der Psychologie und Biologie wird sich mit der Fragestellung befasst, wie der Aspekt des Lernens als Gegenstand wissenschaftlicher Reflexion zu definieren sei. Vergleicht man die Ansätze in den einzelnen Wissenschaftsdisziplinen, so zeigt sich, dass die Lerntheorien vor allem darin divergieren, wie sie die Begriffe Erfahrung und Veränderung interpretieren.

So wird Lernen einmal als Strukturierung durch Vernunft und Einsicht beschrieben, ein andermal als Assoziationsbildung und im dritten Fall versteht man Lernen als praktische Aneignung. Im Rahmen der pädagogischen Gestaltung von Lernangeboten in Kindertagesstätten kommt dem Lernen als praktische Aneignung besondere Bedeutung zu. Welche Gründe hierfür ausschlaggebend sind und wie sich dies im Kindergartenalltag realisieren lässt, soll im vorliegenden Beitrag anhand von Beispielen zum Thema Zeit dargestellt werden.

Dazu werden insgesamt drei Konstruktionsansätze in den Blick genommen: Erstens wird sich mit der Herstellung einer Sanduhr befasst und dabei hinterfragt, inwieweit es mithilfe einer solchen Uhr gelingen kann, Zeit erfahrbar zu machen. Zweitens werden Möglichkeiten zum Bau einer Wasseruhr vorgestellt, um an diesem Beispiel zu exemplifizieren, wie Kinder lernen und auf welchen Wegen sie zu Erkenntnisprozessen gelangen. Schließlich wird in einem dritten Schritt die Konstruktionsweise einer Sonnenuhr beschrieben, die im Vergleich zur Sand- oder Wasseruhr, welche beide in relativ kurzer Zeit gebaut und erprobt werden können, deutlich komplexer ist. Bei allen drei Beispielen steht die Frage im Mittelpunkt, wie es gelingen kann, Prozesse des Lernens und Erkennens in Kindertagesstätten anzuregen.

Lernen als praktische Aneignung

Den Prozess des Lernens gilt es als einen von komplexen Zusammenhängen geleiteten Vorgang zu verstehen und nicht, wie dies der Behaviorismus darstellt, als ein Lernen in Reiz-Reaktions-Verbindungen oder als Speicherung von Informationen. In behavioristischer Betrachtungsweise wird der Lernbegriff vor allem auf eingeübte Formen des Lernens bezogen und bleibt damit in der sozial-emotionalen Beziehung anonym. Für die Arbeit in Kindertagesstätten resultiert daraus, sich nicht an einem Lernbegriff zu orientieren, der das lernende Kind als einen passiv-reagierenden Organismus betrachtet.

Vielmehr muss von einem Begriff des Lernens ausgegangen werden, den Ludwig Duncker, Friedemann Maurer und Gerd E. Schäfer (1993, S. 11) als "prozeßhafte Sinngebungsarbeit des Subjekts" beschreiben, die allein von dessen "Biographie, Erfahrung und Kultur her zu begreifen ist. Besonders fruchtbar scheint deswegen ein Verständnis von Lernen zu sein, demzufolge [...] die verschiedenen Wahrnehmungen und Deutungen, das ganze Ensemble innerer Vorstellungen und Bilder nicht als Abziehbilder von Wirklichkeit verstanden werden, sondern als ein Konstrukt".

Ausgangspunkt für ein solch konstruktivistisches Verständnis von Lernen ist das Modell des produktiv realitätsverarbeitenden Kindes, demzufolge das Individuum in einem Medium handelt, das als Welt angesehen wird. Dieses Medium liefert dem Kind Informationen, die es für die aktive Konstruktion einer Repräsentation der Welt benötigt. Lernen ist demnach ein Prozess, durch den sich das Kind Hinweise über seine Welt aneignet und eine Repräsentation von ihr erstellt. Um solche Prozesse der (Re-)Konstruktion zu fördern, sollten den Kindern geeignete Materialien, welche diese zum Experimentieren und Explorieren anregen, zur Verfügung gestellt werden.

Bau einer Sand- oder Flaschenuhr

So können beispielsweise für die Herstellung einer sogenannten Sand- oder Flaschenuhr folgende Materialien bereitgestellt werden: mehrere kleine Plastikflaschen, Klebestreifen, Scheren und verschiedene Produkte zum Befüllen (Sand, Reis, Pfefferkörner, Salz, Linsen, Sesamsamen oder Sonnenblumenkerne). Um die Kinder zur kreativen Auseinandersetzung mit dem zur Verfügung gestellten Material anzuregen, wird ihnen folgende Aufgabe gestellt: Nehmt euch zwei Plastikflaschen, Klebestreifen und etwas Sand oder Reis und probiert aus, wie ihr mithilfe dieser Materialien eine Flaschenuhr bauen könnt. Wie funktioniert eure Uhr? Wie kann man mit ihr Zeit messen?

Ganz unterschiedliche Lösungen sind denkbar. So kann man beispielsweise Sand in eine Flasche füllen und diese kopfüber auf eine andere Flasche stellen. Dabei werden die Kinder feststellen, dass es schwer ist, die zwei Flaschenhälse so aufeinander zu platzieren, dass kein Sand daneben rinnt. Eine andere Lösung stellt das Abschneiden des einen
Flaschenhalses dar, wodurch die Öffnung dieser Flasche vergrößert wird. Die Flasche kann nun als Auffangbehälter dienen. Auch der Vergleich unterschiedlicher Füllmaterialien stellt eine gute Möglichkeit zum Experimentieren dar. So können die Kinder z.B. Reis, Linsen oder Nudeln in ihre Flaschenuhr füllen und dann beobachten, welche Materialien schneller und welche weniger schnell durchlaufen.

Zeit erfahrbar machen

Manche Materialien bleiben hierbei eventuell im Flaschenhals stecken, sodass die Uhr gewissermaßen "stehen bleibt". Nun müssen die Kinder überlegen, welche Lösungen es gibt, um die Uhr wieder gangbar zu machen. Denkbar ist beispielsweise, dass die Füllmaterialien mit einem groben Sieb gesiebt werden, bevor diese in die Flaschenuhr gefüllt werden. So lässt sich herausfinden, welche Substanzen zu groß sind und welche problemlos den Flaschenhals passieren können. Gerade im Vergleich der unterschiedlichen Materialien werden die Kinder besser und weniger gut funktionierende Varianten herausarbeiten und dabei feststellen, dass eine Flaschenuhr dann besonders gut läuft, wenn der Sand möglichst fein ist und gleich große Korngröße hat.

Erst durch ein solch problemlösendes Vorgehen wird das Denken der Kinder angeregt. Aus diesem Grund ist es wichtig, dass Probleme, die beim Bau einer Flaschenuhr und beim Experimentieren mit ihr auftreten können, von den Erzieher/innen nicht bereits im Vorfeld ausgeräumt werden. Ganz im Gegenteil: Fehler sollten sowohl im Rahmen der Herstellung als auch beim anschließenden Spiel mit der Uhr zugelassen werden. Diese regen das Denken und Erkennen der Kinder an.

Experimente mit einer Wasser- oder Sonnenuhr - Erkenntnisprozesse anstoßen

Im Rahmen von Experimenten zum Thema Zeit setzen sich die Kinder mit solchen Fragestellungen auseinander, wie z.B.: Mit welchen Hilfsmitteln lässt sich Zeit messen? Wie kann man eine Uhr selbst herstellen? Welche Materialien sind hierfür notwendig? Wie können unterschiedliche Modelle von Uhren aussehen? Wie funktionieren diese? Gerade im Hinblick auf die Funktionsfähigkeit der Uhren sollten die Kinder zum Ausprobieren und Experimentieren angeregt werden. So sollten sie sich Gedanken machen zu solchen Fragen, wie z.B.: Wie gelingt es, meine Uhr zum Laufen zu bringen? Was kann ich an meiner Uhr verändern, damit diese langsamer oder schneller läuft? Mit welchem Füllmaterial läuft meine Uhr besser/schlechter?

Aufgabe der Erzieher/innen ist es hier, die Kinder zum Nachdenken über solche Problemstellungen anzuregen und sie zu möglichen Experimenten zu animieren, ohne dabei gleich die zweckmäßigste Lösung vorwegzunehmen. Gelingen kann dies nur, wenn geeignete Impulse zum Nachdenken und Ausprobieren gesetzt werden. Dazu gehört zuvorderst, dass geeignete Materialien für den Bau eines bestimmten Objekts ausgewählt werden. Diese können, wie beim Bau einer Wasseruhr, aus unterschiedlichen Gefäßen und Plastikverpackungen bestehen oder aus einem Blumentopf, einem kleinen Holzstab sowie etwas Erde, aus denen sich eine Sonnenuhr anfertigen lässt.

Gemeinsam mit den Kindern zeichnen die Erzieher/innen einen Bauplan, aus dem hervorgeht, wie ihre Sonnen- bzw. Wasseruhr aussehen soll. Beim Bau wird sich dann zeigen, ob der Bauplan in dieser Form auch realisiert werden kann oder ob Veränderungen vorgenommen werden müssen. Das Ausprobieren der fertigen Uhren bedarf bei der Sonnenuhr einer recht großen Zeitspanne, da die Zeitmarkierungen im Verlauf eines Tages angebracht und über ein bis zwei Tage kontrolliert werden müssen. Die Wasseruhr indes kann, ebenso wie die Flaschenuhr, innerhalb kurzer Zeit gebaut und erprobt werden. Das Verstreichen der Zeit wird durch das tröpfelnde Wasser für die Kinder unmittelbar erfahrbar.

Fazit

Zeit bewusst zu erfahren und am eigenen Modell subjektives Zeiterleben zu reflektieren, sind Kompetenzen, die bereits im Vorschulalter angebahnt werden sollten. In Experimenten zum Thema Zeit, wie z.B. beim Herstellen einer Flaschen-, Wasser- oder Sonnenuhr, können die Kinder Erfahrungen in diesem Themenbereich sammeln. Wichtig dabei ist, dass die Kinder auf der Grundlage eigener Experimente und Explorationen zu Erkenntnisprozessen gelangen. Nur so lässt sich ein Lernen als prozesshafte Sinngebungsarbeit des Individuums initiieren, ein Lernen, das nicht aus einem bloßen Nachahmen hervorgeht, sondern aus einem Prozess des Konstruierens und Dekonstruierens.

Literatur

Brüssel, P.: Professor Kleinsteins Experimentier-Werkstatt für Kinder. Verblüffende Alltagsphänomene erforschen, bestaunen, begreifen in Kindergarten und Grundschule. Münster: Ökotopia Verlag, 2006.

Dinges, E.: Tropfuhr, Sanduhr, Stoppuhr. Wie man die Zeit messen kann. In: Förderschulmagazin, H. 1, 2006. S. 19-22.

Duncker, L.; Maurer, F./Schäfer, G. E. (Hrsg.): Kindliche Phantasie und ästhetische Erfahrung. Wirklichkeiten zwischen Ich und Welt. 2. Aufl. Lagenau-Ulm: Vaas, 1993.

Flitner, A.: Spielen - Lernen. Praxis und Deutung des Kinderspiels. Erweiterte Neuausgabe der 11. Aufl. 1998., Weinheim; Basel: Beltz, 2002.

Krüssel, H.: Unterricht als Konstruktion. In: Voß, R. (Hrsg.): Die Schule neu erfinden. Neuwied; Kriftel; Berlin: Luchterhand, 1996. S. 92-104.

Müller, S.: Wie die Zeit vergeht. Zur Entwicklung des Zeitgefühls im 2. Schuljahr. In: Grundschulunterricht, H. 12, 2004. S. 30-33.